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Sigrid Wadauer: Sicherheit oder Zwang? Arbeits- und Dienstbotenbücher.

Ö1, „Betrifft Geschichte“ 31.5.-4.6.2021. (Gestaltung: Isabelle Engels)
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This podcast presents results of the pilot study funded by the Gerda Henkel Stiftung and my current FWF-project.

Dr. Sigrid Wadauer, Privatdoz.
Dr. Sigrid Wadauer, Privatdoz.

Arbeits- und Dienstbotenbücher waren in der Habsburgermonarchie bzw. Österreich von Mitte des 19. Jahrhunderts bis in die 1920er-Jahre Voraussetzung für eine legale Beschäftigung in vielen Arten der Lohnarbeit. Sie dienten als Identitäts- und Reisedokument, als Nachweis beruflicher Qualifikation und Bestimmung von Arbeitsverhältnissen. Zweck und Nutzen dieser Dokumente waren umstritten. Behörden und Arbeitgeber/innen rechtfertigen die vorgeschriebenen Dokumente als unverzichtbare Voraussetzung für Sicherheit und Ordnung.

Arbeiter- und Dienstbotenorganisationen sahen darin hingegen primär ein Instrument des Zwangs, ein Symbol der Demütigung. In der Historiographie wurden solche Arbeits- und Identitätsdokumente vorwiegend unter dem Gesichtspunkt der staatlichen Kontrolle von besonders mobilen und als gefährlich betrachteten Gruppen interpretiert.
Die Probleme, die mit der Durchsetzung der Dokumente einhergingen, wurden bislang nur wenig erforscht.

Wie konnten diese praktisch genutzt oder umgangen werden? Wer erhielt Papiere, wer nicht? Manchen Arbeitgeber/innen schienen sie gegebenenfalls verzichtbar. Arbeitnehmer/innen beklagten unvorteilhafte Zeugnisse und die Verwendung geheimer Zeichen durch die Arbeitgeber/innen. Es kursierten vielfach Fälschungen und gestohlene Papiere. Und trotz der Gefahren, die damit einhergingen, ohne Identitätsdokument zu sein, wurden Dokumente oft auch einfach bei Dienstgeber/innen zurückgelassen oder zerstört.

Sigrid Wadauer: Von Ort zu Ort: Die Landstreicher. Wandernde Arbeitslose oder arbeitsscheue Vagabunden?

Ö1, „Betrifft Geschichte“ 30.4.2018-4.5.2018. (Gestaltung: Isabelle Engels)
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Die Verfolgung von Menschen, die mittellos und ohne anerkannt redlichen Erwerb herumwanderten, lässt sich in der gesamten Geschichte der Neuzeit finden. Seit dem späten 19. Jahrhundert jedoch änderten sich das Verständnis dieses Phänomens und der Umgang damit. Der Begriff der “Arbeitslosigkeit” taucht nun erstmals in den Wörterbüchern auf. Er beschreibt Erwerbslosigkeit, die nicht individuellem Müßiggang geschuldet sondern markbedingt und unfreiwillig ist – und daher sozialpolitische Maßnahmen erfordert.

Ohne Arbeit zu sein, war damit nicht mehr ausschließlich eine Sache von Armenhilfe, der Moral oder strafrechtlicher Verfolgung als Landstreicher, sondern auch eine der Arbeitsmarktpolitik. Es wurden Herbergen für arbeitssuchende Wanderer errichtet. Nach dem Ersten Weltkrieg entstanden staatliche Arbeitsvermittlung und Arbeitslosenunterstützung. Das Phänomen der Landstreicherei verschwand allerdings auch in diesen Jahren nicht. Viele hatten keine Ansprüche auf Versicherungsleistungen, da nicht alle Erwerbe eingeschlossen waren.

Gerade in der Weltwirtschaftskrise wurde neuerlich eine “Bettler- und Landstreicherplage” beklagt. Aber wie konnte man in Zeiten der Massenarbeitslosigkeit arbeitssuchende Menschen von denen unterscheiden, die ziel- und zwecklos herumwanderten und scheinbar mutwillig der Arbeit aus dem Weg gingen? Woran ließ sich unter solchen Umständen der Arbeitswille, der über Hilfe oder Bestrafung entschied, festmachen? Mit landesweiten Razzien und einem “Bettlerlager” wurden im Austrofaschismus radikalere Maßnahmen in der Verfolgung von Bettlern und Landstreichern gesetzt.

Sigrid Wadauer: Blumenhändler, Lumpensammler, Schuhputzer. Selbstständig Erwerbstätige in der Zwischenkriegszeit.

Ö1, „Betrifft Geschichte“ 2.5.2017-5.5.2017. (Gestaltung: Isabelle Engels)
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Zu Beginn des 20. Jahrhunderts war die Zahl selbstständig Erwerbstätiger in Österreich tendenziell rückläufig und die unselbstständige Lohnarbeit im Vormarsch. Doch verschwunden waren die kleinen Verkäufer, Dienstleister und Handwerker keinesfalls – bot dies doch die Chance, trotz herrschender hoher Arbeitslosigkeit einen redlichen Erwerb zu finden.

Sich selbstständig zu machen war dabei alles andere als einfach, wie der Schriftverkehr zwischen Antragstellern und Behörden veranschaulicht. Das Verfahren für manche Bewilligungen, z.B. für Schuhputzer, konnte sich über viele Monate hinziehen. Gewerbe, die ohne Geschäftslokal und stabilen Standort an wechselnden Orten ausgeübt wurden, waren höchst umstritten.

Von den stabilen Gewerbetrieben wurden sie als Konkurrenz betrachtet. Aufgrund ihrer oft geringen Einträglichkeit wurde den selbstständig Erwerbstätigen oft unterstellt, doch eher auf eine Vermeidung von Arbeit aus zu sein. In diese Ablehnung mischten sich oft antisemitische und fremdenfeindliche Töne.

Gegen solche Diffamierungen und die zahlreichen Versuche der Einschränkung oder Abschaffung versuchten sich Wanderhändler und -gewerbetreibende zur Wehr zu setzen. Sie verwiesen auf die Nützlichkeit ihrer Tätigkeiten und darauf, dass sie keine andere Möglichkeit hätten, sich und ihren Familie eine Existenz zu sichern.

Durch die Erosion der “Normalarbeit” und die Zunahme an neuen Selbstständigen und prekär Beschäftigten in den vergangenen Jahrzehnten, vor allem aber auch durch eine Globalgeschichte der Arbeit erlangen solche Formen von Arbeit auch in der historischen Forschung, von der sie bislang nur am Rande beachtet wurden, wieder größere Aufmerksamkeit.